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Polio Landesverband Schleswig-Holstein

2004 – Fortbildung „Polio! Was macht es mit mir?“

Meine Erfahrungen – Meine Ängste – Meine Wünsche.

Der Polio Landesverband Schleswig-Holstein hatte seine Mitglieder zu diesem Thema nach Klingberg/Scharbeutz in die Jugendbildungsstätte zu einem zweitägigen Seminar eingeladen.
Einundzwanzig TeilnehmerInnen sind aus ganz Schleswig-Holstein angereist. Davon haben vierzehn eine Polio durchgemacht. Sieben sind Begleitpersonen, die durch die Behinderung ihrer PartnerInnen aber ebenfalls Betroffene sind.
Herr Dr. Konrad Bettzieche, Arzt und Psychotherapeut, sowie Frau Katha Kreitlow, Familien-therapeutin teilten sich die Leitung des Seminars.
Herr Hans Nolte sagt zu diesem Seminar:
Die Themen, die das Team des Landesverbandverbandes vorgegeben hat, sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Warum? Weil sie in die tiefsten persönlichen Bereiche hineinreichen können, aber nur dann, wenn es die Betroffenen zulassen.

Nach einer gemeinsamen Vorstellungsrunde, Herr Dr. Bettzieche und Frau Kreitlow haben zuvor den Ablauf des Seminars grob umrissen, teilt sich die Gruppe. Frau Kreidlow geht mit den PartnerInnen in einen anderen Raum, um dort die aus der Partnerschaft mit einem Polioerkrankten entstandenen Probleme zu besprechen. Welche Ängste, Erfahrungen und Wünsche gibt es dort?

Wir 14 direkt Poliobetroffenen bleiben mit Dr. Bettzieche zusammen. Durch eine kurze Einführung durch ihn, erhalten wir das Wort. Wir können uns zu den Themen äußern und uns einbringen. Dies ist, aus der Distanz einiger Tage betrachtet, für manchen gar nicht so einfach. Über die Erfahrungen zu berichten, die eine/einer mit den Folgen seiner/ihrer Polio erlebt hat, und womöglich immer noch erlebt, ist für uns im allgemeinen nicht schwer, solange es um das Äußere, den medizinischen oder auch sozialen Bereich geht.
Bei machen Wortbeiträgen ist mehr oder weniger versteckt herauszuhören, dass in der Tiefe noch etwas Ungesagtes festsitzt oder gar rumort.
Warum kommt das nicht heraus? Lässt die Last der jahrelangen, ja, jahrzehntelangen nicht ausgesprochenen und bis jetzt heruntergeschluckten negativen Erlebnissen es nicht zu, diese einmal in Worten auszuspucken? Sich zu überwinden, sich einmal ehrlich auszusprechen, heißt das nicht auch, sich zu dem Gesprochenen zu bekennen?
In dem Maße, wie der Betroffene sich zu sich selber bekennt, wächst ihm nicht in vertrauensvollen Gesprächen in der Gruppe mit Gleichbetroffenen die Erkenntnis, welches die Ursache seiner Ängste sind oder sein könnten?
Erkenntnis ist das Eine, danach zu handeln ist das Andere!
Die Erkenntnis und das Wissen um all diese Dinge, ist keinem Einzelnen von uns gegeben.
So wird es in vielen Wortbeiträgen deutlich, unsere gemeinsame Aufgabe!
Es wird sehr ernsthaft diskutiert. Doch so manche Frage, die oft nur im Ansatz hörbar wird, bleibt von der Runde unbeantwortet. So jedenfalls war mein Eindruck. Darüber müssen wir nachdenken! Wenn etwas unbeantwortet blieb, sogar ein Anflug von betretenem Schweigen spürbar wird, so lockert ein hintergründiger Humor die Stimmung wieder auf. Und das Gespräch geht weiter.
Gegenstand und Ursache des auflockernden Humors ist niemals ein Wortbeitrag.
Oh, nein! Sondern ein Teller auf dem neben anderen Leckereien auch Schokolinsen liegen. Der Teller wird in der Runde herumgereicht und dabei dezent verhalten gefragt: „Willst Du auch eine Paracetamol?“ So wird der Teller mit den Paracetamol betitelten Schokolinsen zum Entspannungslösenden Hilfsmittel.
Es vergeht der erste Tag. Am Abend sitzen wir gemütlich beisammen. Trinken, knappern und plaudern. Manches wird hier angesprochen, was bei den Themen dieses Wochenendseminars wohl hätte gesagt werden können.
Die Zeit geht hin mit Gesprächen in den Gruppen. Allein die Tage sind zu kurz und wir kennen uns zu wenig, um für das bisher Ungesagte die entsprechende Nähe reifen lassen zu können.
Nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken am zweiten Tag, gehen wir mit dem Wunsch uns bald wieder zutreffen auseinander. Dank sei dem Team vom Polio Landesverband, die für uns dieses Seminar organisiert haben. Das sind die Eindrücke, Gedanken von und über ein gelungenes Seminar. Das ist der Blick zurück der uns auch hilfreich sein kann für das nächste Seminar, so wir den wollen.
Hans Nolte.

Die PartnerInnen haben die Zeit zu einem sehr intensiven Arbeiten mit Frau Kreitlow genutzt. Als wir uns am Zweiten Tag wieder zu einer großen Gruppe zusammen finden, sind wir für kurze Zeit etwas befangen. Es werden die Eindrücke wiedergegeben, die jeder/jede erlebt hat. Der Wunsch, einmal zu hören, was die Anderen für Erfahrungen, Ängste und Wünsche haben, wird geäußert. Hier ist ein weiteres Seminar anzusetzen. Der Wunsch ist da und wenn der Landesverband die Finanzen dafür erbringen kann, wird es auch stattfinden.
Der Landesverband bedankt sich bei Dr. Bettzieche und Frau Kreitlow für die gute Betreuung an den zwei Tagen in der Jugendbildungsstätte Klingenberg/Scharbeutz, die behindertengerecht mit genügendem Raum und gutem Service war.

Eva-Maria Goldt-Klimkeit

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