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Polio Landesverband Schleswig-Holstein

16. April 2005 – Poliotag in Neustadt/Holstein

Thema:

PPS eine komplexe Erkrankung

Zum zweiten Mal hatte der Polio Landesverband Schleswig-Holstein e.V. zu einem Poliotag eingeladen. Aus ganz Norddeutschland kamen Betroffene mit ihren Angehörigen, Ärzte und Physiotherapeuten nach Neustadt in Holstein.

Herr Heinz Pfingst, 1. Vorsitzender des Polio Landesverbandes, begrüßte die Anwesenden und dankte Herrn Dr. Uwe Jahnke (Chefarzt der Neurologie im psychatrium Neustadt), dass wir in den Räumen des psyichatrium zu Gast sein konnten. Herrn Dreckmann für die Öffentlichkeitsarbeit, die viele nichtinformierte Betroffene nach Neustadt geführt hatte. Herrn Möller, der mit seinem Team für unser leibliches Wohl und die gemütliche Atmosphäre sorgte, Herrn Siemens dafür, dass immer der richtige Ton aus den Lautsprechern kam.

Er begrüßte natürlich die Referenten: Herrn Dr. Uwe Jahnke, Herrn Dr. Stübs und Frau Gue’non. Herrn Wöbbeking, unseren 1. Vorsitzenden vom Bundesverband Polio e.V.

Herr Wöbbeking brachte Grüße vom Vorstand mit und stellte fest, wie wichtig es auch der Bundesverband sieht, eine Fachklinik zum Thema PPS in Norddeutschland zu haben. Er wird sich bemühen, dass wir mit Dr. Jahnke bald eine PPS- Ambulanz in Neustadt haben werden.

Zu diesem Tag befragte ich, stellvertretend für alle, eine Teilnehmerin.

Goldt-Klimkeit: Frau Brecht, was haben Sie von dieser Veranstaltung erwartet?

Fr. Brecht: Ich wollte mehr über die Spätfolgen der Polio wissen.

Goldt-Kl.: Was haben Sie von den Vorträgen mit nach Hause genommen?

Fr. Brecht: Herr Dr. Jahnke sprach zuerst über die Ursache des Post Polio Syndroms. Dies hatten wir in der Selbsthilfegruppe schon oft erörtert. Aber alles ganz genau vom Entstehen der Polio bis hin zu der Begründung der jetzt so starken Schmerzen zu hören war hochinteressant. Für mich war besonders interessant, als Dr. Jahnke über die magische Kugel der Veränderungen sprach. Er erklärte uns, wie wichtig es ist, unsere Erkrankung anzunehmen statt diese zu verdrängen. Dass wir uns nicht scheuen sollen Hilfsmittel wie eine Gehhilfe anzunehmen. Wir sollten dafür sorgen, dass wir bequem sitzen. Eine höhere Sitzposition kann uns sehr helfen. Wer kann, sollte unbedingt eine kurze Mittagspause einlegen. Von Vorteil ist eine ausgewogene Ernährung und Gewichtsreduktion. Besonders fand ich auch, dass er genau erklärte, wie eine Diagnose in seiner Klinik erstellt wird. Ich bin schon in der Klinik gewesen und fühlte mich dort sehr aufgehoben. Endlich wusste jemand über meine Beschwerden bescheid.

Goldt-Kl: Was können sie davon umsetzen?

Fr. Brecht: Ich habe mir inzwischen einen Emotion-Rolli angeschafft. Die Mittagspause lege ich so oft ein wie ich kann. Nur die Akzeptanz der Krankheit, das fällt mir noch sehr schwer.

Goldt-Kl.: Hat Ihnen der Vortrag, den Dr. Stübs (Psychologe aus Höxter) gehalten hat, dabei etwas helfen können?

Fr. Brecht: Ja, unbedingt. Herr Dr. Stübs hat unsere Situation so lebendig und doch auch realistisch geschildert. Ich habe mich in vielen Beispielen wiedergefunden.
Immer sollte alles auf Hochtouren funktionieren. Dann kamen immer mehr Einbrüche. Jetzt beginnt alles zu rutschen. Hier hat Dr. Stübs mir die Augen geöffnet. Natürlich hat mein Selbstbewusstsein durch die Polio gelitten. Alles konnte ich bei meiner Arbeit und durch besonderen Fleiß kompensieren. Nun geht nichts mehr. Das macht Angst. Ich muss mich anders wahrnehmen und mir klar werden, dass ich trotz meiner Krankheit etwas Wert bin, geliebt werde. Wie will ich gesehen werden? Wie sehe ich mich? Ich bin sicher, dass wir in unserer Gruppe noch einige Zeit darüber diskutieren werden.

Goldt-Kl.: Was können sie noch berichten?

Fr. Brecht: Der Beitrag von der Leiterin der Physiotherapie war sehr interessant. Sie hat uns alle Möglichkeiten, die wir wahrnehmen können von PNF über Entspannung nach Jacobsen bis hin zur Wasser-KG. Auch sie berichtet über die Möglichkeiten von Scherzlinderung durch Hilfsmittel: Gr. Würfel, Venenkissen, Knierolle, Lagerungsschiene, auch Verschiedene Aromenbäder können zu Hause für Entspannung sorgen. Natürlich bekommt der Patient in einer Klinik mehr geboten als uns der Arzt später zugesteht.

Goldt-Kl.: Ich kann Ihnen jetzt schon versprechen, dass der Vortrag von Frau Gue’non in einer der nächsten Polionachrichten stehen wird. Herr Dr. Stübs hat in der letzten Ausgabe der PN über das Thema, Psychologische Probleme bei PPS, welches er bei uns behandelt hat geschrieben. Herrn Dr. Jahnke wollen wir auch bitten seinen Vortrag den PN zur Verfügung zu stellen. Ich danke Ihnen für das Interview.

Fr. Brecht: Ich bin gerne nach Neustadt gekommen und freue mich darauf, bald die Kontakte, die ich geknüpft habe, mit den neuen Mitgliedern in unserer Gruppe fortzusetzen. Es war ein erfolgreicher, informativer Tag.

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