Seite druckenzurück
Polio Landesverband Schleswig-Holstein

Risiken beim Post-Polio-Syndrom

Dr. med. Peter Brauer

Vortrag auf dem Regionalgruppentreffen am 20.05.2006 in Bad Zwischenahn
(Stark gekürzte Fassung)

1. Risiko

Das Post-Polio-Syndrom (PPS) ist das Risiko einer überstandenen Polioinfektion und sein Auftreten gleichzeitig mit weiteren gesundheitlichen Risiken verbunden. Unter Risiko ist die Wahrscheinlichkeit des Eintretens negativer Ereignisse zu verstehen. (s. WIKIPEDIA)

2. Risiko Post-Polio-Syndrom

Jede Polioinfektion hinterlässt Nervenschäden. Diese können äußerlich zunächst unsichtbar oder in Form von Lähmungen sichtbar sein. Beide beinhalten das PPS als Risiko. Die Größe dieses Risikos ist von bestimmten Bedingungen abhängig,
– einmal von der Schwere des Krankheitsverlaufes und – zum anderen von der körperlichen wie seelischen Belastung nach der überstandenen Polioinfektion.
Folgende unterschiedlich schwere Krankheitsverläufe werden unterschieden:

a) Die paralytische Poliomyelitis (Poliomyelitis mit Lähmungsfolgen als schwere Verlaufsform) bei etwa 1 % der Infizierten,
b) die aparalytische Poliomyelitis (Poliomyelitis ohne Lähmungsfolgen als weniger schwere bzw. leichte Verlaufsform) bei etwa 1 % der Infizierten,
c) die abortive Poliomyelitis (Poliomyelitis als milde, uncharakteristische Verlaufsform) bei etwa 6 % der Infizierten und
d) die subklinische Poliomyelitis (Poliomyelitis als unauffällige Verlaufsform) bei etwa 92 % der Infizierten. (s. STURM, KÖHLER/MOCHMANN, HEMPEL, PSCHYREMBEL, LEBOEUF, SCHMIDT, BEANDIS/EGGERS/KÖHLER/PULVERER, JAWETZ/MELNICK/ADELBERG, FALCONER/BOLLENBACH, SILVER/AIELLO)

Die Erkrankungsschwere ist gleichbedeutend mit der Schadensgröße am Nervensystem. Je schwerer die Polioerkrankung (Verlaufsform), desto größer ist auch das PPS-Risiko. Je älter der Betroffene zum Zeitpunkt der Polio-Infektion ist, desto größer ist das Risiko, an einer schweren Verlaufsform und später an PPS zu erkranken.
Das Risiko ist außerdem belastungsabhängig. Polio-Überlebende, die ihren Körper und ihre seelische Spannkraft überdurchschnittlich hart fordern, laufen Gefahr, das PPS frühzeitiger und schwerer zu bekommen.
Die allgemeine Wahrscheinlichkeit des PPS-Auftretens liegt für
– die paralytische Poliomyelitis bei etwa 75 %,
– die aparalytische Poliomyelitis bei etwa 40 % und
– die abortive sowie subklinische Poliomyelitis zusammen bei etwa 20 %. (s. JACKMAN, BRAUER, SMITH)

3. Risiken beim Post-Polio-Syndrom

Nach Auftreten des PPS ergeben sich eine Reihe weiterer Risiken für den Gesundheitszustand des betroffenen Patienten.
Die Risiken sind abhängig von
– dem Umfang des Vorschadens und
– der Lokalisation (Ort) des Vorschadens.
Beim PPS sind alle durchgeführten oder unterlassenen Maßnahmen risikobehaftet, die Einfluss auf das mehr oder weniger sichtbar geschädigte Nerven-Muskel-System haben.

Eines der ersten großen Risiken ist eine Fehldiagnose bzw. die falsche Zuordnung der PPS-Symptome zu anderen Diagnosen mit folgender Fehlbehandlung und daraus resultierender beschleunigter Leidensverschlimmerung. Die damit verbundene falsche physiotherapeutische und medikamentöse Behandlung ist selbst bei richtiger Diagnosestellung mangels genauer Kenntnisse über das PPS nicht ausgeschlossen. Als ausgesprochener Risikofaktor steht die vom PPS-Patienten häufig selbst gewählte kraftraubende Bewältigungsstrategie im Vordergrund, nicht selten fälschlicherweise sogar noch ärztlich empfohlen. Das aber bringt die Betroffenen beschleunigt in einen Teufelskreis aus einer zunehmenden Behinderung und so stetig wachsender Überforderung. Von den beiden Risiken der Überforderung oder Unterforderung steht zwar nach der alten Polio-Bewältigungsstrategie ersteres im Vordergrund, hat aber letzteres ebensolche negativen Auswirkungen.
Noch abwegiger ist die Beschwerdeeinstufung als psychisch abnorme Reaktion mit einer Verordnung von Medikamenten, welche auf die Psyche wirken (Psychopharmaka) und in vielen Fällen zur Verschlimmerung des Leidens führen können. In anderen Fällen wird eine Therapie nicht selten auch verweigert, was dem Fortschreiten der Krankheit Vorschub leistet.

Ein weiteres Risiko ist die Fehleinschätzung des Krankheitsbildes aufgrund Normaler, d.h. unauffälliger Befunde bei den üblichen unspezifischen Untersuchungsmethoden, wobei selbst der spezifischen Diagnostik im Sinne der Ausschlussdiagnose PPS keine uneingeschränkte Beweiskraft zukommt. Auch das hat, besonders bei vorurteilsbelastetem Herangehen häufig genug eine falsche Behandlung oder eine Unterlassung notwendiger therapeutischer Maßnahmen zur Folge.

Von einer Fehldeutung oder Nichtbeachtung ist besonders die Atmungsbeeinträchtigung beim PPS betroffen, weil sie wegen ihres überwiegend allmählichen Auftretens lange unbemerkt bleibt und damit wertvolle Zeit für eine Vorbeugung verloren geht. Eine nicht korrigierte Atemschwäche kann die vielfältigsten und bedrohlichsten Folgen haben. Zu nennen sind unter anderem Leistungsverlust, Erschöpfung, Schlafstörungen, Atemnot bis zum Atmungsversagen, Infekthäufung der Atemwege, Schmerzen in Kopf, Muskeln sowie Ganzkörperschmerz, Bluthochdruck und Rechtsherzschwäche, in schweren Fällen bis zum Herzversagen. (s. BACH, BOCKELBRINK)

Das Risiko operativer Eingriffe und von Narkosen liegt vordergründig auf dem Gebiet der Atmung, beinhaltet aber noch einige andere nicht unwesentliche Gefahrenmomente. Wegen der verminderten Muskelmasse sind auch die Blut- und Körperflüssigkeitsmenge kleiner. Deswegen ist schon bei geringen Verlusten das Risiko einer Entgleisung von Kreislauf und Flüssigkeitshaushalt gegeben. (s. LEHMANN-BURI) Außerdem bergen viele Medikamente wie muskelentspannende Mittel, Narkosemittel, Schmerzmittel, Psychopharmaka und andere die Gefahr, Schwäche, Lähmungen, Ermüdung, Erschöpfung sowie sogar Zerstörung von Nerven und Muskeln zu verstärken und/oder auszulösen. (s. TRÖGER)

Wirkstoffmengen von Arzneien werden auf die Körpermasse berechnet. Überdosierungen sind bei der geringen Zielmasse der Poliopatienten leicht möglich.
Die erhöht schädigenden Wirkungen von Nikotin und Alkohol dürfen nicht vergessen werden. Negativ wirkt sich auch die Unterschätzung des Erholungsbedarfes für den PPS-Organismus aus. Jeder normale, d.h. Eustress wird beim PPS zum Disstress und Verstärkt mit allergrößter Wahrscheinlichkeit das Krankheitsgeschehen.

Die ablehnende bzw. zögerliche Haltung gegenüber einer möglichst schon vorbeugenden Benutzung von Hilfsmittel ist ein weiterer Risikofaktor. Auch Nachteilsausgleiche und persönliche Hilfen sollten von PPS-Patienten rechtzeitig, also frühzeitig in die Lebensplanung einbezogen werden, um negative Entwicklungstendenzen des Krankheitsverlaufes abzuschwächen, denn eine Heilung ist bekanntermaßen ja leider nicht möglich.

Literatur beim Verfasser oder im Internet

– Bach, J.R.:
Bewertung und Behandlung von respiratorischen Post-Polio-Folgen: Nichtinvasive Möglichkeiten.
In: Halstead, L.S. und G. Grimby (Hrsg.) in der Übersetzung von R. Kießig:
Das Post-Polio-Syndrom.
Gustav Fischer Verlag Jena 1996, S.128-151.

– Beandis, H., H.J. Eggers, W. Köhler und G. Pulverer (Hrsg.):
Lehrbuch der Medizinischen Mikrobiologie.
Gustav Fischer Verlag Stuttgart, Jena, New York 7.Aufl. 1994.

– Bockelbrink, A.G.:
Polio.
Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte e.V. Band 219, 5.Aufl. 2000.

– Brauer, P.:
Zur Häufigkeit des Post-Polio-Syndroms.
Bundesverband Polio e.V., Polio-Nachrichten 4/2002, S.16.

– Falconer, M. and E. Bollenbach:
Non-Paralytic Polio and PPS.
A Lincolnshire Post-Polio Library Publication – January 1999.
Internet: Zugriff 08/2004.

– Jackman, L.:
Living with Post-Polio Syndrome …..
Internet: Zugriff 01/2004.

– Jawetz, E., J.L. Melnick und E.A. Adelberg:
Medizinische Mikrobiologie.
Springer Verlag Berlin, Göttingen, Heidelberg 1963.

– Hempel, H.-Chr.:
Kinderheilkunde.
In: Diagnostisch-therapeutisches Vademecum.
Johann Ambrosius Barth Verlag Leipzig 38.Aufl. 1963, S. 846 ff.

– Köhler, W. und H. Mochmann:
Grundriß der Medizinischen Mikrobiologie.
Gustav Fischer Verlag Jena 5.Aufl. 1980.

– Leboeuf, Ch. (1991) in der Übersetzung und Bearbeitung von R. Kießig:
Spätfolgen nach Poliomyelitis.
Polio e.V. und AOK Magdeburg 1993.

– Lehmann-Buri, Th.:
Poliomyelitiker und Operation.
Bundesverband Polio e.V., Polio-Nachrichten 3/2000, S.23-24.

– Pschyrembel, W.:
Klinisches Wörterbuch.
Verlag Walter de Gruyter & Co. Berlin 85.-99.Aufl. 1951.

– Schmidt, G.-W.:
Leitfaden der Säuglings- und Kinderheilkunde.
Schriftenreihe „Medizin heute“ Band 12 der Troponwerke Köln 3.Aufl. 1967.

– Silver, J.K. and D.D. Aiello:
What internists need to know about postpolio syndrome.
Cleveland Clinic Journal of Medicine Vol.69 (2002), No.9, P.704-712.

– Smith, J.F.:
Postpolio syndrome.
Medical Library.
Internet: Zugriff 06/2005.

– Sturm, A.:
Grundbegriffe der Inneren Medizin.
Gustav Fischer Verlag Jena 10.Aufl. 1963.

– Tröger, M.:
Problematische Medikamente bei PPS.
Bundesverband Polio e.V., Polio-Nachrichten 4/2003, S.4-9.

– Wikipedia, freie Enzyklopädie:
Risiko.
Internet: Zugriff 5/2006.

Veröffentlichung: Polio-Nachrichten 3/2006.

Kommentare sind geschlossen.