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Polio Landesverband Schleswig-Holstein

16. August 2016: Besuch der Klinik Hoher Meißner

klinik-hoher-meissner1Im Rahmen der 10. Studienfahrt, die der Polio-Landesverband Schleswig-Holstein organisierte und in der Zeit vom 12. bis 18.08.2016 durchführte, besuchten wir am 16. August die Klinik Hoher Meißner in Bad Sooden-Allendorf. An dieser Fahrt nahmen 32 Poliobetroffene, darunter ca. 12 Rollstuhlfahrer und einige mit Rollatoren und Gehhilfen, teil.

Die Klinik Hoher Meißner ist als modernes Dienstleistungsunternehmen anerkannt. Im Vordergrund steht die medizinische Versorgung, welche durch eine qualitativ hochwertige Sachausstattung sowie durch qualifiziertes medizinisches Fach- und Pflegepersonal garantiert wird.

Die auf hohem Niveau befindlichen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten dieser Klinik sind eine weitere Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit. Die Rehaklinik ist nach DIN EN ISO 9001 zertifiziert.
Zusammenfassend hat die Neurologische Abteilung der Klinik Hoher Meissner seit dem Jahre 2000 einen Behandlungsschwerpunkt für jugendliche und erwachsene Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen entwickelt. Inzwischen machen Patienten mit diesen seltenen Krankheitsbildern ca. 80 % der Belegung der 135 Betten umfassenden Neurologischen Abteilung aus. Einen wesentlichen Anteil daran haben dabei die Patienten mit Post-Polio-Syndrom. Erstmals wurde die Neurologische Abteilung der Klinik Hoher Meißner 2006 durch den Bundesverbandes Poliomyelitis e. V. zertifiziert. Die letzte Re-Zertifizierung erfolgte 2016.

Nach ca. drei Stunden Fahrt bei schönstem Wetter erreichten wir die Klinik. Wir wurden durch das Klinikpersonal freundlich empfangen und konnten uns an den vorbereiteten Mittagstisch setzen und das leckere Essen genießen.

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Dann begrüßte uns Dr. med. Carsten Schröter, Chefarzt der Neurologischen Abteilung. Sein Vortrag hatte das Thema „Von der Poliomyelitis zum Post-Polio-Syndrom“. Während des Vortrages konnten Fragen gestellt und Hinweise gegeben werden.

Seit Januar 2016 wurden 19 Fälle von Polioerkrankungen weltweit und zuletzt 2 Fälle in Nigeria gemeldet. Der Poliomyelitis-Erreger führt zu Magen-Darm-Infektionen und bei einem Teil der Patienten zu Lähmungen. Poliomyelitis anterior acuta oder auch Kinderlähmung, oft kurz Polio genannt, ist eine Erkrankung der Vorderhornzellen im Rückenmark, des zweiten motorischen Neurons. Hierdurch kommt es zu Lähmungen der Muskulatur.

 

 

Kinderlähmung (Poliomyelitis acuta anterior)

Initialstadium (1 – 2 Tage)

  • Fieber, Kopfschmerzen, Appetitmangel, Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen, gelegentlich Übelkeit und Erbrechen, Durchfall

Symptomfreies Intervall (1 bis 9 Tage)

Präparalytisches Stadium

  • meningitische Phase (Stunden bis 3 Tage)
  • Adynamische Phase (2 bis 4 Tage)

Paralytisches Stadium

  • Lähmungen innerhalb von Stunden bis zu 3 Tagen

Polio-Viren tauchen überall und immer wieder auf, sie sind in einem sogenannten Pool vorhanden. Die Infektion erfolgt von Mensch zu Mensch. Der Mensch ist (kann) Dauerausscheider sein.

Dr. Schröter erläuterte an Hand von Skizzen den Verlauf der Polioerkrankung von normal bis zum PPS:klinik-hoher-meissner3

 

Normal: Die motorischen Nervenfasern, die vom Rückenmark zu den Muskeln ziehen (2. Motorisches Neuron), sind intakt. Die Impulse, die vom Gehirn kommen,
können regelrecht an die Muskulatur weitergegeben werden. Jede Nervenfaser innerviert eine Reihe.

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Polio: Die motorischen Nervenfasern, die vom Rückenmark zu den Muskeln ziehen, sind durch die Poliomyelitis erkrankt. Im Schema ist von drei Nervenfasern nur noch eine erhalten geblieben, zwei sind untergegangen.

 

Nach Polio: Die erhaltene motorische Nervenfaser entwickelt an ihrem Ende neue Sprosse, die die vielen nicht mehr versorgten Muskelfasern innervieren. Es entstehen
sogenannte große motorische Einheiten. Für die einzelne Nervenfaser stellt dies eine erhebliche Belastung dar.

klinik-hoher-meissner5PPS: Sprosse der sehr belasteten motorischen Nervenfasern gehen teilweise unter; es entstehen parallel dazu wieder neue Sprosse. Gehen mehr Sprosse unter als neu gebildet werden, entwickelt sich die zunehmende muskuläre Schwäche.
– Nerven sterben ab, Muskeln bilden sich zurück.

 

Polioviren:

Typ 1 – pathogenster Keim, macht 85 % der Epidemien aus.

Typ 2 – meist schwere sporadische Fälle (gilt als ausgerottet)

Typ 3 – verursacht gelegentliche lokale Epidemien (3%) (über zwei Jahre nicht mehr aufgetreten)

  • Die Polioviren bilden gegenseitig keine Immunität aus. Deshalb ist eine Impfung gegen Polio unbedingt notwendig – auch für Poliobetroffene.
  • Hohe Kontagiosität (Fähigkeit zur Ansteckung).
  • Virusausscheidung beginnt 2 – 3 Tage nach Virusaufnahme, dauert 3 Wochen bis 5 Monate.
  • Inkubationszeit 5 – 14 (-35) Tage.
  • Bereits der Verdacht der Erkrankung ist meldepflichtig!

 

  • Lähmungen der Arm- und/oder Bein-Muskulatur, Lähmungen der Rumpfmuskulatur, Lähmungen der Atemmuskulatur
  • Lähmungen der Hirnnerven X, XI, XII, des Atem- und Kreislaufzentrums sowie der Medulla oblongata.

Vorbeugung:

  • Impfung mit inaktivierten Polio-Viren nach Salk (12. April 1955 freigegeben, Injektion)
  • Impfung mit abgeschwächtem Lebend-Impfstoff nach Sabin (1960, „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“).

Hier erläuterte Dr. Schröter den Verlauf von Polio-Erkrankungen in der DDR und der BRD in der Zeit von 1957 bis 1966 an Hand einer Tabelle. In der DDR ging die Zahl der Neuerkrankungen ab 1960 und in der BRD ab 1962 nach Einführung der Schluckimpfung rapide zurück. In der DDR wurde die Schluckimpfung 2 Jahre früher eingeführt.

Durch Einführung der Polioimpfungen gingen die Neuerkrankungen weltweit stark zurück und die meisten Gebiete der Welt sind inzwischen poliofrei. Leider sind wieder Neuerkrankungen in Syrien, Afghanistan, Pakistan und Nigeria aufgetreten. Auf Grund der heutigen Flüchtlingssituation ist unbedingt darauf zu achten, dass regelmäßige Impfungen gegen Polio durchgeführt werden.

Nach der Poliomyelitis tritt eine Erholung von Funktionen nach Monaten bis Jahren ein (z.B. Wilma Rudolph gewann bei der Olympiade in Rom 3 x Gold über 100 m und 200 m Sprint und in der 4 x 100 m-Staffel).

 

Post-Polio-Syndrom (PPS):

  • Nach mindestens 15 Jahren – oft nach 3 – 4 Jahrzehnten.
  • Erneute Zunahme der Schwächen in (ehemals) betroffenen Muskelgruppen, manchmal auch in anderen Muskelgruppen.
  • Besonderes Risiko: bei Polio schwer betroffene Muskulatur mit guter Erholung.

Symptome können sein:

  • Verminderung der Gehstrecke, Abnahme der Gangsicherheit, Nachlassen der Ausdauer, Verlängerung der Erholungsphasen, vermehrte Muskelkrämpfe, verstärkte Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit, Muskelschmerzen, Kälteintoleranz.
  • Atemstörungen: Kurzatmigkeit, nächtliche Atemstörungen – vermehrte Tagesmüdigkeit, nicht erholsamer Schlaf, morgens wie gerädert aufwachen, regelmäßiger morgendlicher Kopfschmerz, häufiges Aufwachen.
  • Veränderungen am Muskel: „Begleitmyopathie“, kompensatorische Verdickung der Muskelfasern, oft erhöhte CK-Werte (Muskelenzym) – hat aber keine konkrete Aussage!
  • Weitere Ursachen:

– Alterungsprozesse? – eher nicht relevant.
– Reaktivierung der Polio-Viren? – kein Hinweis.
– Entzündliche Prozesse beim Untergang von Nervenfasern?

  • Diagnosestellung:

– Anamnese.
– Nachweis der abgelaufenen Poliomyelitis mit Lähmungen und (partieller) Erholung.
– Nachweis großer motorischer Einheiten, sog. Riesenpotentiale, in der Elektromyographie (EMG).
– Ausschluss anderer Ursachen für fortschreitende Lähmungen.
– Ausschluss-Diagnostik, kein direkter Nachweis möglich.

Deshalb ist das Ziel der Behandlung …

  • …nicht der Kraftzuwachs und nicht der Muskelaufbau,
  • …die Verbesserung/Erleichterung von Funktionen und die Verbesserung von Ausdauer,
  • …die Verbesserung des Umgangs der Kraftressourcen statt Schwächen verleugnen,
  • …die Minderung von Schmerzen und Folgeschäden-

Therapie des PPS

  • Krankengymnastik:
    – Funktionsverbesserung und –erhaltung
    – Erhalten der Kraft und Kräftigung
    – Optimierung der Koordination, Rumpfstabilisierung
    – Erhalten der Atemfunktion
    – Erleichterung von Alltagsfunktionen
    – Vermeidung von Sekundärkomplikationen (Gelenkkontrakturen, Skoliosen, Osteoporose, Fehlhaltungen)
    – Überlastungen vermeiden, Ressourcen kennenlernen
  • Ergotherapie:
    – Ähnliche Ansätze wie KG, Schwerpunkt obere Extremitäten und Rumpf
    – Versorgen mit Hilfsmitteln, z.B. Greifzangen, Rollstuhl, Aufrichthilfen, Toilettensitzerhöhung
    – Beüben alltagsrelevanter Aufgaben (ADL)
  • Physikalische Therapie:
    – Massagen
    – Wärme-/Kälte- Therapie (Thermotherapie)
    – Elektrotherapie
  • Logopädie:
    – Schluckstörungen
    – Atem-Stimm-Kopplung
  • Diätische Maßnahmen:
    – Bei Übergewicht wegen Bewegungsmangel, bei Schluckstörungen
  • Häusliche Beatmung:
    – Nächtliche Beatmung, Dauerbeatmung
  • Achten auf:
    – Tagesmüdigkeit, vermehrte Einschlafneigung
    – Regelmäßiger morgendlicher Kopfschmerz
    – Aufwachen wie gerädert
    – Rasches Nachlassen der Leistungsfähigkeit
  • Psychologie:
    – Entspannungsverfahren (Autogenes Training; Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen)
    – Krankheitsbewältigung
    – Wechsel vom Kampf mit den Symptomen zum Management der Ressourcen
  • Orthopädische Maßnahmen:
    – Operativ; Orthesen; Orthopädische Schuhe
  • Therapie neuromuskulärer Erkrankungen:
    – Ambulant – zum Aufrechterhalten der Fähigkeiten
    – Stationäre Rehabilitation – um latent vorhandene Fähigkeiten und muskuläre Funktionen zu verbessern, den Verlauf günstig zu beeinflussen
  • Sozialmedizinische Aspekte:
    – Berufliche Aspekte
    – Schwerbehindertengesetz
    – Pflegegesetz

Langfristverordnungen:

  • Sind Heilmittelverordnungen für schwerkranke Patienten mit einem voraussichtlichen Behandlungsbedarf von mindestens einem Jahr.
  • Auch bei den Langzeitverordnungen gelten die Vorgaben der Heilmittel-Richtlinie.
  • Somit ist bei Verordnungen außerhalb des Regelfalls ein Arzt-Patienten-Kontakt spätestens alle 12 Wochen erforderlich.
  • Langfristverordnungen werden dem Heilmittelverordnungs-Volumen nicht mehr angerechnet, sie sind somit „budgetneutral“.
  • Muss für jedes Jahr und jedes Heilmittel neu beantragt werden.

Das Post-Polio-Syndrom findet man in der Tabelle zu Praxisbesonderheiten und Langfristverordnungen unter dem Punkt G 14.

Ein sehr interessanter Vortrag ging zu Ende. Auf Grund der fortgeschritten Zeit mussten wir leider auf einen Klinik-Rundgang verzichten.klinik-hoher-meissner6

Jens Siewert, Vorsitzender vom Polio-Landesverband Schleswig-Holstein e.V., bedankte sich bei Herrn Dr. Carsten Schröter für den ausführlichen und interessanten Vortrag und überreichte ein kleines Präsent. Wieder etwas schlauer traten wir die Rückfahrt nach Brilon an.

Hiermit möchten wir uns bei Jens und Antje (unserer „Reivogru“), bei Bodo (unserem Busfahrer) und bei Frank (von der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e.V. HSK), der Bodo beim „Beladen“ des Busses unterstützte, sehr herzlich bedanken.

Einen besonderen Dank an die AOK Nordwest Kiel, die unsere Studienreise und insbesondere diesen Besuch gefördert hat.

Werner und Viola Edelberg

 

 

 

 

 

 

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