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Polio Landesverband Schleswig-Holstein

2. und 3. September 2005: Atemstörung bei PPS, Dr. Botzke


Herr Dr. Ulrich Botzke ist Pneumologe und hat im Stralsunder Krankenhaus gearbeitet. In den 60 und 70ern war sein Hauptgebiet die Behandlung der Tuberkulose, später chronische Bronchitis, Asthma und Lungenkrebs. Sein Spezialgebiet war die Lungenfunktionsdiagnostik.

Dr. Botzke erklärte bei unserem Seminar in Stralsund wie die Atmung im Allgemeinen funktioniert.

Die Atmung ist eine wesentliche Funktion, die uns am Leben erhält. Sauerstoff wird zugeführt, Kohlendioxid ausgeatmet. Dieser Austausch passiert in den Lungenbläschen (Alveolen). In den Lungenbläschen nimmt das Blut den Sauerstoff auf und transportiert ihn zu den Organen. Das Blut ist mit Kohlendioxid beladen, dessen Druck im Blut höher als in den Bläschen ist, so dass das Kohlendioxid dann abgeben werden kann.

Die Steuerung der Atmung geschieht über das verlängerte Rückenmark. Der wichtigste Atemmuskel ist das Zwergfell. Die Bewegung von unten nach oben dehnt die Lunge. Das Zwergfell zieht sich zusammen und wölbt sich nach unten. Der Ausatmungsprozess kommt ohne muskuläre Aktivität aus. Bei der Atmung sind weitere folgende Muskelgruppen beteiligt: die Zwischenrippenmuskulatur und die Atemhilfsmuskeln (die eingeschaltet werden bei erhöhtem Bedarf an Sauerstoff).

Beim Ein- und Ausatmen verändert sich das Zwergfell, gleichzeitig dehnt sich der Brustkorb zwischen 3-5 cm (gemessen am unteren Bereich des Brustkorbes). Dies wird als äußere Atmung bezeichnet. Als innere Atmung wird der Prozess bezeichnet, der in den Zellen Abläuft.

Folgende Erkrankungen beeinträchtigen die Lungenfunktion:

– Lungenentzündung
– Tuberkulose
– Lungenkrebs
– Pneumothorax (Lungenflügel ist zusammengeschnürt)

Bei den Poliobetroffenen kommt es zu Atemstörungen, da die Polio eine Erkrankung ist, die die Steuerung der Atmung beeinträchtigt. In der Akutphase ist die Lunge ja häufig betroffen gewesen. Eine Atemtätigkeit war nicht mehr möglich, darum wurde die Lungentätigkeit künstlich hergestellt. Historisch hat man dies mit der „Eisernen Lunge“ gemacht, in der ein Unterdruck erzeugt wurde, um den Brustkorb zu dehnen. Heute wird dies durch eine Maskenbeatmung erreicht, die mit Überdruck arbeitet.

Ca. 40% aller Post-Polio-Syndrom-Erkrankten haben Atemfunktionsstörungen. Die Ursache für das späte Auftreten der Atemfunktionsstörung ist einerseits darin zu suchen, dass derjenige auch während der Akutphase Atemstörungen hatte und zum anderen dass die äußere Atmung erschlafft. Sicherlich spielt eine Veränderung der Anatomie des Brustkorbes auch eine Rolle. Die Veränderungen der Wirbelsäule (meist eine Skoliose, auch eine Kyphose oder eine Kyphoskoliose) führt zu einer veränderten Atemtätigkeit. Wo der Brustkorb eingeengt ist, da ist auch die Lunge eingeengt.

Besonders problematisch ist das Rauchen bei Polioerkrankung: die Beatmung kann dann noch zusätzlich eingeschränkt werden.

Durch die Atemfunktionsstörung gelangt nicht genügend Sauerstoff in die Alveolen. Dies wird Hypoxemie genannt. Gleichzeitig reichert sich Kohlendioxid im Organismus an. Dabei kommt es zu folgenden Symptomen:

– subjektiv empfundene Atemnot
– chronische Müdigkeit besonders in den Morgenstunden
– mangelnde Konzentrationsfähigkeit
– Wortfindungsstörung
– Schlafstörungen, wenn sie gehäuft auftreten

Diese Symptome sind ein Alarmsignal, sich genauer untersuchen zu lassen. Eine Atemfunktionsprüfung und eine Untersuchung des Blutes (Druck von Sauerstoff und Kohlendioxid) können Auskunft geben.

Eine ständige Hypoexemie führt zur Veränderung des Blutdruckes im Blutkreislauf. Das Herz muss viel mehr Arbeit aufwenden, vor allen Dingen das rechte Herz. Es tritt dann früh der Tod ein (akutes Rechtsherzversagen).

Eine Abhilfe können Beatmungsgeräte sein, die seitens des Patienten eine Überwindung erfordern, solch eine Behandlung durchzuführen. In welcher Art und Weise (ob nachts, oder bei Tage oder beides) muss individuell geklärt werden. Dies geschieht am besten bei einem stationären Aufenthalt im Schlaflabor.

Bei den Beatmungsgeräten gibt es unterschiedliche Systeme:

Ippv intermittierende mit positivem Druck durchgeführte Beatmung
Cpap chronische
Bipap beim Ein- und Ausatmen sind zwei verschiedene Drücke vorhanden

Bei allen muss eine Atemmaske angelegt werden (Mund als auch Nase).

Im Anschluss berichteten einige von ihren Erfahrungen mit Atemgeräten und deren positiven Wirkung. Natürlich kann es auch Schwierigkeiten mit dem Atemgeräten geben. Es ist gewöhnungsbedürftig, mit Schläuchen zu schlafen. Und wenn man sich nachts drehen will, muss man wach werden.

Außerdem können durch Atemübungen, die jeder erlernen kann und bei einer gezielten Physiotherapie, erhebliche Verbesserungen bei der Atmung erzielt werden.

Norbert Dempwolff-Rubel

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