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Polio Landesverband Schleswig-Holstein

16. Oktober 2018: Besuch der Polio-Ambulanz in Koblenz im Rahmen der 12. Studienfahrt des Polio-Landesverbandes Schleswig-Holsteins vom 14. bis 19.10.2018 nach Oberwinter am Rhein

Während dieser Reise besuchten wir am 16.10.2018 das einzige in Deutschland existierende Polio-Zentrum im Brüderhaus Koblenz des Katholischen Klinikums Koblenz-Montabaur unter Leitung von Chefarzt Dr. Axel Ruetz.

Als Polio-Schwerpunktambulanz am Polio-Zentrum Koblenz werden an Kinderlähmung (Polio) erkrankte Menschen versorgt. Polio ist ein multidisziplinäres Problem, weshalb die enge Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen Neurologie, Orthopädie, Schmerztherapie und Lungenheilkunde extrem wichtig ist.

In dieser Praxis werden orthopädische und neuro-orthopädische Krankheitsbilder mit sogenannten nicht-chirurgischen, konservativen Verfahren am Halte- und Bewegungsapparat behandelt. Besondere Ausweisungen sind durch Wirbelsäule und Bewegungsapparat ausgelöste Schmerzzustände und die orthopädie-technische Versorgung mit komplexen individuellen Hilfsmitteln sowie die Anschulung mit Lähmungsapparaten, Prothesen und Wirbelsäulenorthesen.

 

I. Begrüßung und Vortrag Dr. Ruetz

Empfangen wurden wir schon auf dem Parkplatz von Frau Palm, Chefsekretärin von Dr. Ruetz. Sie gab uns einige organisatorische Hinweise und führte uns in den Konferenzraum.

Dr. Ruetz begrüßte unsere Gruppe und Jens Siewert, Vorsitzender des Polio-LV SH, bedankte sich, dass wir diese Klinik besuchen durften.
Er gab einen kurzen Überblick über die Klinik, die er vor ca. 10 Jahren mit seiner Sekretärin Frau Palm begann aufzubauen und stellte kurz sein Team vor. Dazu gehören Dr. Niederle, Dr. Comtess, Frau Dr. Jansen und Frau Dr. Mihailici (bekannt als Frau Dr. Mi). Nicht zu vergessen Frau Schweitzer, die sich um die Bettenbelegung und Termine kümmert. Jährlich werden hier 600 bis 700 Polio-Patienten versorgt. Er weist darauf hin, dass Polio immer noch ein Thema sei und wie wichtig die Impfung gegen Polio ist. Es gibt immer wieder neue Poliofälle unter anderem in Syrien, Ukraine, Pakistan und Afghanistan. Seit einiger Zeit ist Dr. Ruetz in Zusammenarbeit mit dem Rotary Club dabei, in Nigeria ein Polio-Zentrum aufzubauen.

 

Dann begann Dr. Ruetz mit seinem Vortrag: Die Behandlung von Folgen der Poliomyelitis und des Post-Polio-Syndroms am Polio-Zentrum des Katholischen Klinikums Koblenz.

Über den Magen-Darm-Trakt wird der Polio-Virus aufgenommen und wandert dann ins Rückenmark. Alles wird infiziert.
Asymmetrischer Befall der motorischen Vorderhornzellen des Rückenmarkts:

  • Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose)
  • Gliedmaßenverkürzungen
  • Gelenkinstabilitäten
  • Muskuläre Ungleichgewichte
  • Schwächung der Kraft/ Atemkraft

Nach einer gewissen Erholungsphase bekommt jeder Polio früher oder später (nach 15 bis 50 Jahren) das Post-Polio-Syndrom. Es treten neue Lähmungen insbesondere Schmerzen auf. Jeder der das PPS hat, hatte auch vorher eine Polioerkrankung. Zurzeit gibt es etwa noch 60- bis 70- Tausend Polio-Patienten in Deutschland. Es gibt keine Medikamente gegen Polio, sie kann nur symptomatisch behandelt werden:

  • Krankengymnastik und Funktionsschulung nur nach Leistungstest
  • Atemhilfen nur nach Lungenfunktionsdiagnostik unter Belastung und im Schlaf
  • Gelenkersatzoperationen mit speziellen Implantaten
  • Schmerztherapie mit spezifischen Medikamenten für gesicherte Polio-Folgebeschwerden
  • Beratung nach gesicherten Stadienuntersuchungen.

Dann erläuterte Dr. Ruetz das Stationäre Diagnose- und Behandlungskonzept von Poliospätfolgen, das in verschiedenen Modulen aufgegliedert ist. Dazu gehören Kraftanalysen, Physiotherapie, Lungenfunktionstest, Beatmung, Orthesenversorgung mit Gebrauchsschulung, Video-Ganganalyse, Gelenkersatz für Hüfte, Knie, Schulter und Füße, Knochenbrüche und Schmerztherapie.

Es war ein für alle sehr interessanter Vortrag.

Werner und Viola Edelberg

 

II. Vortrag über Biodex Testung

Für die Diagnostik und Behandlung eines PPS-Patienten wird in dem Klinikum zu Beginn eine Muskelkraftmessung der Beine durchgeführt.

Hierzu haben wir uns in die physiotherapeutischen Räumlichkeiten des Klinikums begeben, wo uns Herr Bach, Physiotherapeut, bereits erwartete. Die Muskelkraftmessung – unter der Bezeichnung Biodex-Testung – beinhaltet die Verwendung einer computergestützten Maschine. Sodann ist uns die Funktion dieser Testmaschine vorgeführt und erklärt worden. Für diese Demonstration hat sich eine ebenfalls an PPS erkrankte Patientin zur Verfügung gestellt. Bei aufrechtem Sitz auf einem Stuhl wird ein Bein an einem beweglichen Teil der Testmaschine festgeschnallt. Die Patientin wird angewiesen, ihr Knie einmal vollständig zu strecken und dann einmal vollständig zu beugen. Auf dem Bildschirm werden zwei Kurven entsprechend der Muskelkraft der zwei Seiten des Oberschenkels aufgezeichnet. Danach erfolgt die Anweisung, die Streckung und Beugung des Knies 10mal fortlaufend zu wiederholen. Auf dem Bildschirm kann durch die farbliche Ausgestaltung die Veränderung der Kurven verfolgt werden.

Die entsprechenden Übungen und Aufzeichnungen werden dann für das andere Bein vorgenommen. Diese soeben gewonnenen Daten werden vom Programm der Testmaschine her mit normativen Daten unterlegt; ebenfalls ist ein Hinzuziehen der Ergebnisse von Biodex-Tests bei vorhergegangenen Klinikaufenthalten möglich. Diese aufgezeichneten Kraftverlaufskurven geben Aufschluss über Stärkedefizite und Muskelungleichgewichte und ggf. deren künftig zu erwartenden Veränderungen. Beispielhaft führt Herr Bach das Treppensteigen, das Besteigen einer Leiter an; ist es noch möglich, Hausarbeit in einem Stück durchzuführen oder sollten zwischendurch Pausen eingelegt werden. Auch kann die Auswertung Anhaltspunkte für eine Hilfsmittelversorgung geben. Die Ergebnisse der Biodex-Testung fließen in die Entscheidung des Arztes über die weitere Behandlung ein.

Helga Siemens

 

III. Vortrag und Vorführung der Ganganalyse und Gangschulung zum Orthesen-Bau für Polio-Betroffene mit Beinlähmungen

Im Rahmen der Ergotherapie wird an zwei betroffenen Testpersonen eine 6-minütige Videoganganalyse über eine Wegstrecke von 2O Metern mittels Messsohlen an den Füßen durchgeführt. So wird die Stärke der Beine „gesund/ krank“ festgestellt und deren Entwicklung über Jahre überwacht. Auch Daten zur Pulsfrequenz und Sauerstoffsättigung, Belastung der Füße und Feststellung des Körperschwerpunktes werden erhoben.

Durch Fußdruckmessschuhe sind die Druckverhältnisse auf dem Bildschirm ablesbar von Rot = hohe Belastung über blau, grün, bis gelb = leichte Belastung. Anhand der Datenauswertung wird die entsprechende Beinorthese gefertigt.

Moderne Carbon-Kunststofforthesen wiegen ca. 1OOO g, die herkömmlichen Leder/ Stahl- Orthesen dagegen 3 – 4 kg. Es werden verschiedene Varianten vorgestellt und mit den Anwesenden ausführlich erörtert.

Fazit: Leider sind die Carbon-Leichtorthesen nicht für jeden Polio-Patienten geeignet.

Norbert und Barbara Mausch

 

Wir danken der AOK NordWest in Kiel, die diese Studienreise gefördert hat. 

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